Thomas Keller: Wilde Feuerteufel und sanfte Dünen

In memoriam Thomas Keller

Der bekannte Fotograf Thomas Keller ist in der Nacht zum 22. Februar 2011 unerwartet verstorben. Seine letzte Ausstellung in Swakopmund hat die Fachwelt sehr beeindruckt.

tl_files/article/Adler-180x130.jpgFlackernd erleuchtet das Lagerfeuer die Nacht im Revier. Kleine Feuerteufel scheinen darin zu tanzen, sich zu drehen, in Rot- und Blautönen drehen sie sich mit dem leichten Wind, der die Glut bewegt. Detaillierte Bewegungsmomente eines gewöhnlich scheinenden Phänomens lassen der Phantasie freien Lauf und inspirieren zum Träumen.
Was wir alle schon mit Faszination beobachtet haben, hat Thomas Keller in fotografische Meisterwerke umgesetzt. Mit kurzer Belichtung und stundenlanger Geduld hat er die Essenz des flackernden Feuers in der Stille der namibischen Nacht eingefangen. „Fremder in der Nacht“, „ Feuerteufel“ und „Butoh-Tänzer“ heißen einige seiner Werke, eine einmalige Reihe von Fotos, wie sie in der Kunstwelt erstmals präsentiert wird.
Im Kontrast dazu zeigt der in Swakopmund lebende Künstler „reduzierte Dünenfotos“ mit ungewohnten Ausschnitten der Namib bei Tag und Nacht. Ein Hauch von Schatten kriecht im Glanz der letzten Sonnenstrahlen über die sanfte Rundung des Sandberges. Vom Wüstenwind gemalte Muster zeichnen sich in leuchtendem Rot und  sanften Gelbtönen des Sandes ab. Die Reduzierung der Ausschnitte eröffnet neue Perspektiven für das Auge des Betrachters.

Seit seiner Jugend hat sich der 1937 in Berlin geborene Thomas Keller mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt. Während seiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler arbeitete Keller an der Herausgabe von Kunst- und Fotobänden mit. 1970 gründete er am Starnberger See die „Galerie Thomas Keller“, in der namhafte Künstler wie Walter Dexel, Josef Albers, Antonio Calerara, Christian Mengert und Maurizio Annucci unter internationaler Beachtung ihre Werke ausstellten.
Ab 1980 führten Thomas Keller ausgedehnte Reisen nach Mexiko, den Westen der USA und in die Sahara. „Auf diesen Reisen erwacht das Interesse, die Faszination der Landschaft, vor allem der Wüste, mit den künstlerischen Strategien der konstruktivistischen Kunst und der Minimal Art zu verbinden“, schreibt Kellers Biograph Matthias Herrmann. „Es entstehen erste Photoarbeiten, die die Struktur der Dünen zu malerischen, jedoch formal äußerst reduzierten Bildern verdichten. Diese Bilder legen den Grundstein für ein Werk, das sich der Mittel der Photographie bedient, um Arbeiten von höchster Konzentration hervorzubringen.“

Seit zehn Jahren Wahlheimat: Swakopmund

tl_files/article/Thomas-Keller-2-130x180.jpg1999 schließlich zog es Thomas Keller und seine Frau Irena, eine renommierte Tänzerin, nach Namibia, wo sie im Swakoprevier ihr Haus mit Tanzsaal und Atelier einrichteten. Gemälde, Fotografien und Skulpturen aus aller Welt umgeben diesen Ort der Ruhe und Schaffenskraft. Kunst ist ihr Lebenselixier und gibt ihnen Raum für Kreativität. Was fehlt, ist moderne Technik. Thomas Keller arbeitet zwar seit einigen Jahren mit digitaler Fotografie, doch verwendet er keine Filter, spielt mit Belichtung,  Entwicklung und Farbe. Kein Computerprogramm verfälscht oder überhöht seine Darstellungen, jedes einzelne Foto wird liebevoll ausgewählt, gedruckt und selbst gerahmt.   
Landschaften, Tiere und Portraits faszinierender Gesichter zählen zu seinen bedeutenden Werken. Auch bildende Kunst gehört zu seinen frühen Schaffensphasen, doch die Liebe zur Fotografie bildet heute den Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens.
„In der Sahara hatte ich ein Déjà vu, das meinen Blick für Details schärfte und somit den Grundstein für meine reduzierten Dünenfotos legte“, berichtet der Künstler. „Form, Farbe und Licht sind meine Handwerksmittel, mein Blickwinkel liegt mehr im Ausschnitt denn im Gesamtbild.“ Auf diese Weise erhält der Betrachter durch die Augen des Künstlers Einblicke in faszinierende, kleine Welten, in prägnante Facetten eines vollkommenden Ganzen. Stundenlang harrt Keller an einem Ort aus, um genau im richtigen Augenblick das Foto zu schießen, dass er anstrebt. So sitzt ein Habicht auf einem Baumstamm, die Beute im Blick, zeitlos, endlos scheinend, mit unendlicher Geduld betrachtet vom Fotografen, die Kamera gezückt, doch still und reglos – bis der Vogel losfliegt, einen Augenblick zu verharren scheint, bevor er sich in die unendliche Weite des Himmels emporhebt und dem Blick entschwindet. Das Ergebnis ist ein in der Bewegung verhafteter Moment des Lebens, festgehalten im selben Augenblick, als das Bild schon in erneuter Veränderung begriffen war.

Persönliche Zeugnisse einer veränderlichen Welt

„Thomas Kellers Photographien sind eigenwillige, sehr persönliche Zeugnisse von Landschaften, die geprägt werden durch ständig wechselnde Naturerscheinungen und durch sich schnell verändernde Lichtverhältnisse“, schreibt der Kölner Udo Kittelmann. „Seine Photographien sind dabei nicht nur das Resultat des Blickes durch das Auge der Kamera, sie sind vor allem auch ein Abbild „seiner“ Sicht der Dinge, sie sind der umfassende Ausdruck des innersten Gefühls, das der Photograph seinem Motiv gegenüber hat. Natürlich trifft es zu, dass die Kamera die Realität ablichtet, natürlich existiert oder existierte das Bild, das auf der Photographie zu sehen ist. Aber ebenso trifft es zu, dass das Photo – ebenso wie ein Gemälde oder eine Zeichnung – eine Interpretation der Welt liefert.“
© Konny von Schmettau