Die schöne Frau auf der Freitreppe

Die Beförderung Ihres im Berufsleben hoch dotierten Ehemannes in einer angesehenen Firma soll erstklassig mit persönlich geladenen Gästen in einem namhaften Hotel stattfinden. Dem Anlass entsprechend lässt Anne sich ein zauberhaftes Abendkleid auf den wohlgeformten Leib schneidern.

Der Abend des großen Ereignisses bricht heran. Die Gäste versammeln sich im Foyer des Hotels - die Herren im Frack, die Damen in feinster Abendgarderobe, leise murmelnd ob des feierlichen Anlasses.
Die Gattin des Auszuzeichnenden wartet genau den passenden Augenblick zwischen Hochspannung und Interessenverlust ab, um in ihrem schillernden Abendkleid mit kleiner, feiner Schleppe die hinab führenden Stufen zu betreten. Die Gespräche verstummen, alle Augen richten sich auf die schöne Frau, die engelsgleich die Treppe hinunter schwebt. Ihr Mann, mit stolzgeschwellter Brust, richtet seine verzückten Blicke auf seine seit vielen Jahren treue Angetraute, die alle Anwesenden in Bann hält.
Hinab schwebt sie, in dem Bewusstsein, dass alle Blicke auf sie gerichtet sind - ihr großer Auftritt! Sie will ihrem Mann alle ihm gebührende Ehre antun.

Doch da - auf der vorletzten Stufe - strauchelt sie, tritt auf ihre wunderschöne Schleppe (die sie im letzten Bewusstsein verflucht), stolpert, versucht Haltung zu bewahren, bleibt aufrecht bis zuletzt - und stürzt vornüber, landet bäuchlings auf dem glatt polierten Parkett, um mit einem verzweifelten „Oh nein!“ quer durch den Saal zu schliddern.
Die unfreiwillige, wilde Fahrt lässt sie genau vor den Füßen des Managers landen (Oh Gott, würde sich doch jetzt ein großes Loch vor mir auftun, in dem ich versinken könnte!“). Annes Ehemann, dem sie 20 Jahre lang eine treu sorgende Ehefrau war, dem sie zwei wunderbare Kinder geboren hat, wendet sich ab und sagt zu seinem Nebenmann: „Ich kenne diese Frau nicht!“
Da beugt sich der Manager zu ihr hinunter, reicht ihr galant die Hand und sagt: „Ich liebe es, wenn mir schöne Frauen zu Füßen liegen!“

© Konny von Schmettau