Die Wunder der Namib

tl_files/article/Namib.180.jpgSie zählt zu den ältesten Wüsten der Welt und erstreckt sich rund 2000 km weit vom nordwestlichen Kap bis ins südliche Angola, davon allein in Namibia über 1750 km. Die Temperaturschwankungen sind extrem. Auf eiskalte Nächte folgen glühend heiße Tage. Die Landschaft ist rau und harsch, der Wüstenwind fegt über kahle Klippen. Und doch ist die Namib voller Leben. Sie gilt als eines der botanisch aufschlussreichsten Gebiete weltweit mit einer unglaublichen Artenvielfalt.
Zwischen engen Felsspalten klammern sich Büsche und Sträucher fest, deren Wurzeln das Wasser der seltenen Regenschauer und des Morgentaus aufsaugen. Geduckt, mehr klein und gedrungen als hoch gewachsen, findet man Pflanzen mit kleinen Blättern, die eine geringe Verdunstung begünstigen. Bizarre Felsformationen wirken wie Gesichter und Gestalten, die vom Nebel, Wind und Regen der Jahrtausende geformt wurden. Teile des Swakop-Riviers werden von einem Felsenkamm aus Dolorit und Granitfelsen durchzogen. Weicheres Gestein hat sich im Zuge der Erosion immer weiter in seine Bestandteile zerlegt, zurück bleibt der harte Fels.
Hier haben Pflanzenarten überlebt, deren Vielfalt und Einzigartigkeit nur dem aufmerksamen Betrachter deutlich werden. Sie haben sich im Laufe der Jahrmillionen an das karge Wüstenklima angepasst, sind Überlebenskünstler geworden in einer feindlich erscheinenden Welt, die doch überall Leben in mannigfaltigen Erscheinungsformen hervorbringt.

Endemische Pflanzen in der Namib

tl_files/article/Namib1.130.jpgDie Welwitschia Mirabilis ist wohl die bekannteste endemische Pflanze unseres Landes, die nur zwischen Kuiseb und südlichem Angola in ihrer prähistorischen Urform erhalten geblieben ist. Bis zu 1500 – 2000 Jahre Lebenszeit wird einzelnen Welwitschias in der Namib wissenschaftlich bescheinigt. Je älter sie wird, desto weiter gefächert zeigen sich ihre Blätter. Zahlreiche Theorien wurden über die Welwitschia entwickelt, doch hat man sie bisher nicht wirklich erforscht. Eigentlich weist sie nur zwei Blätter auf, die einem in der Erde verwurzelten Stamm entspringen. Diese Blätter werden vermutlich jedoch nur 10 – 15 Jahre alt, wachsen um den aus dem Sand heraus ragenden Stamm herum und reißen dabei immer weiter aus.
In der kühlen Nacht, so besagt eine weitere Theorie, öffnet sie die Poren ihrer Blätter, um Wasser aufzunehmen, doch sobald der heiße Tag heranbricht, schließt sie diese wieder. Dem halten andere Theorien gegenüber, dass die Welwitschia fast ausschließlich außerhalb der Nebelzone vorkommt. Fakt scheint zu sein, dass nach bisherigen Erkenntnissen nur in den 30er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts neue Welwitschias wuchsen, als jeweils mehrere gute Regenjahre hintereinander zu verzeichnen waren.
Ihre Samen enthalten 40% Fett und dienen daher besonders verschiedenem Kleingetier als reichhaltige Nahrung. Aus 10- bis 20.000 Saatblättern sollen lediglich 5 –6 neue Welwitschia-Pflanzen entstehen, auch das macht sie so selten und wertvoll.

Wer die Pflanzenwelt der Namib entdecken möchte, tut dies am besten mit einem erfahrenen Safarianbieter und geschulten Reiseleitern. Einerseits fährt man auf diese Weise nicht an den Schönheiten der Wüste und Riviere vorbei, wenn man die Details nicht ohne Weiteres zu erkennen vermag, andererseits wissen die Tour Guides auch, wie man alles sehen kann, ohne es zu zerstören. Manche Anekdote aus alten und neuen Zeiten schmückt die Wüstentour aus und macht sie zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Schutz von Tieren und Pflanzen

tl_files/article/Namib2.180.jpgDer Schutz unserer seltenen Tiere und Pflanzen ist umso wichtiger, als der zunehmende Tourismus auch Gefahren für die Natur in sich birgt. So wurden zwar besonders um die sehr alten Welwitschias herum oft Steinringe platziert, doch leider treten zu viele Besucher in diesen Kreis hinein, um ein nahes Foto aufzunehmen und beachten dabei nicht, dass sie die Pflanze damit zerstören können. Und eine mehr als Tausendjährige Pflanze ist nicht zu ersetzen.
Ähnlich verhält es sich mit den vielen unterschiedlichen Flechtenarten der Namib. An das karge Klima angepasst, nutzen unter anderem Bart- und Krusten-Flechten die geringe Feuchtigkeit des Nebels in Küstennähe. So wachsen sie mühselig und bescheiden nur 1 cm in 10 Jahren und dadurch erklärt sich, dass auch nach über 100 Jahren noch die Spuren der kolonialen Ochsenwagen zu erkennen sind. Wenn Besucher nun mit Autos oder Quad bikes „eine neue Spur fahren“, zerstören sie damit die Vielfalt der Flechten auf den Stein- und Sandebenen, von denen viele sich nur noch in diesem Lebensraum erhalten haben.

Die zerklüftete Mondlandschaft erweckt den Eindruck, als befände man sich auf einem anderen Planeten. Trocken, rissig, steinig zieht sie sich wie ein Ungetüm aus uralten Zeiten als Überbleibsel aus Stein und Fels, als Gebirge zwischen Atlantikküste und Namib Wüste entlang, mit tiefen Schluchten und kargem Gestein beinahe bis zum Horizont. Ihr zu Füßen liegt das liebliche Swakop Rivier, der Trockenfluss, der nur in den seltenen guten Regenjahren mit seinen Fluten den Atlantik bei Swakopmund erreicht.
Scheinbar leblos, mit gutem Bausand, doch weitgehend trocken erscheinend, eröffnet sich im weiteren Verlauf des Swakop eine ungeahnte Tier- und Pflanzenwelt. Geckos, Chamäleons, Springböcke, Strauße, Klippspringer, zierliche Trichterspinnen und eifrige Klopfkäfer tummeln sich im Schatten von Tamarisken und Anabäumen, zwischen den Blättern des Dollarbaumes und vielfältiger Fettpflanzen. Das Grundwasser des Swakop reicht tief und so wundert es kaum, dass in früheren Zeiten auch Giraffen, Nashörner, Elefanten und Löwen hier heimisch waren.

Geheimnisvolles Leben in der Namib

tl_files/article/Namib3.180.jpgDies ist die Heimat geheimnisvoller Kleintiere wie der Trichterspinne, die ihre Netze so geschickt baut, dass Insekten hinein rutschen können und um Wasser zu sammeln. Der Klopfkäfer „Tok-Tokki“ – so benannt nach seinem südafrikanischen Verwandten, der sein Weibchen über Kilometer weite Entfernungen anlockt, indem er mit seinem Hinterteil auf den Sandboden klopft – speichert bis zu 40 Prozent seines Körpergewichts an Wasser und dient daher seinerseits als beliebte Nahrung für seine natürlichen Feinde.
Die Saat des „Bleistift-Strauchs“ dient als beliebte Nahrung für die Tok-Tokkis, während der Bitterbusch beim Verzehr das Fleisch von Springböcken sowie Kuhmilch bitter macht.
Die Schoten des Kameldorn- und des Anabaums dienen als proteinreiches Viehfutter und sind auch beim Wild sehr beliebt. Die kleinen, gelben Blüten des Kameldornbaums nennt man in Namibia aus gutem Grund „Springbock-Bonbons“.
Aus dem harten Wurzelholz des Talerstrauchs schnitzt man Buschmann-Pfeifen und früher verwendete man es zur Füllung der Kohle-Bügeleisen. Sogenannte Fettpflanzen wie der Dollar- oder Talerbusch speichern das Wasser in ihren Blättern, Stämmen oder Wurzeln und dienen vielen Tieren als Durstlöscher.
Die Rinde des Hakkie-Busches, einer Akazienart, wiederum macht die Milch sauer, ist aber für die Verdauung bestens geeignet.
Jede Pflanze muss sich durch irgend etwas schützen, um ihren Erhalt zu sichern, und so enthalten die Blätter mancher Fettpflanzen Giftstoffe, die verhindern, dass das Wild zu viele von ihnen frisst.

Die Wurzeln des wilden Senfbusches sollen bei Zahnschmerzen hilfreich sein. Alle Arten von Vögeln lieben die Saat dieses Strauches sehr.
Die Melonenfrüchte der !Nara-Pflanze waren schon bei den Ureinwohnern als gekochte Masse voller Vitamine und Proteine beliebt und sind gut bei hohen Cholesterinwerten. Alle Wildtiere lieben diese Melonen, und ihre Kerne sind auch bei Menschen als nussiger Snack sehr beliebt.
Die verschiedenen Aloearten werden von der einheimischen Bevölkerung zu Heilzwecken genutzt, unter anderem für die Haut, und die Hoodias schließlich müssen inzwischen geschützt werden, da sie einen enormen positiven Einfluss auf den Organismus ausüben. Die Buschmänner kochen die Hoodia, wenn sie lange in der Wüste unterwegs sind, ihr wird nachgesagt, dass sie den Magen 14 Tage lang füllt.
Die Namib ist voller Superlative. So wurde der heimische Granit früher in Europa als Kopfsteinpflaster eingesetzt, und Marmor aus Karibib ziert unter anderem den Frankfurter Flughafen.
Schönste Halbedelsteine, Quarze, Gold und Diamanten sind unter dem rauen namibischen Sand und Gestein verborgen. Die großen Vorkommen an Uran lassen mehr und mehr Minen ins Land kommen und selbst Kupfer und viele weitere Substanzen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts in der Kahn-Mine abgebaut, weswegen sogar eine eigene Schiene der Otavi-Bahn hierher verlegt wurde.

Vogelbeobachtung mit John Lotter

Wenn sich bei Sonnenuntergang der Sand der Namib in allen Variationen von Gelb- und Rottönen färbt, lange Schatten über die Dünen kriechen und nie zuvor gesehene Kontraste eröffnen, wenn der Südwester Wind den feinen Sand zu immer wieder neuen Strukturen formt, wird einem bewusst, wie alt diese Wüste ist und welches Leben sie gleichermaßen in sich birgt.
Schon aus diesem Grund ist es so wichtig, diese unendlich schöne Welt zu schützen und nicht von den ausgewiesenen Strecken querfeldein zu fahren. Hier brütet die endemische Damara-Schwalbe ihre Eier in flachen Sandnestern aus, und hier sucht die ebenfalls endemische Dünenlerche ihre Nahrung, „der Vogel, der niemals Wasser trinkt.“
Die namibische Vogelwelt ist von ungeahnter Vielfalt an endemischen und halb endemischen Arten. Zu ihnen zählen unter anderem der Afrikanische Austernfischer, die Hartlaubs Möwe, der Kaptölpel, der Bankkormoran sowie der Kronenkranich.

Dreizehn endemische Vogelarten gibt es nur in Namibia, und um sie in ihrem natürlichen Lebensumfeld beobachten zu können, zieht man am besten mit John Lotter los. Der aus Südafrika stammende Lotter ist ein international anerkannter Vogelkundler, der allein im südlichen Afrika 834 unterschiedliche Spezies klassifiziert hat. „Nur der frühe Vogel fängt den Wurm“ lautet seine Devise, und so bricht man vor Sonnenaufgang auf, um unter anderem im Kuiseb Rivier die seltensten Spezies sanft und ohne deren Störung zu beobachten.
Warum ausgerechnet hier so viele Vögel zu sehen sind, liegt an einer Besonderheit, die den Kuiseb auszeichnet: Dicht am Rand der Namib-Dünen gelegen, wachsen nicht nur im Rivier selbst, sondern auch in den Dünen Sträucher und Büsche und bieten Schutz und Nahrung selbst für die scheusten Kleinlebewesen wie Chamäleons, unterschiedlichste Geckos, Schlangen, Eidechsen, Spinnen und Skorpione. Alle Arten von Vögeln zwitschern in den frühen Morgenstunden auf Kameldornbäumen und hüpfen voller Elan durch den Riviersand, um Käfer und Insekten aufzustöbern. „Ein Morgen im Rivier oder in der Wüste ist besser als jedes Fernsehprogramm, denn hier erlebt man alles live“, erklärt John Lotter, und das genießt man wirklich hautnah, wenn man mit ihm unterwegs ist. Manchmal ist selbst er erstaunt, wenn er einen Vogel entdeckt, von dem er bisher nicht wusste, dass er hier vorkommt, und so setzt sich seine Liste von bislang 98 in diesem Gebiet gesichteten Vogelarten immer weiter fort. So sah er jüngst zum ersten Mal nahe des Kuiseb einen Schlangenadler sowie einen Wiedehopf, den man hier „African Hoopoe“ nennt.

Sterne und Dünen

Doch viele weitere Wunder gibt es in der Namib zu erkunden, und zu ihnen gehört die rund 120 km von Walvis Bay entfernt liegende Forschungsstation Gobabeb, in der Informationen über die seltensten Pflanzen der Namib zu finden sind. Seine Lage macht das Institut so spektakulär: In der Intersektion von drei Wüsten-Ökosystemen gelegen, und zwar dem Dünensand, den steinigen Ebenen und dem Kuiseb Trockenfluss, der in guten Regenjahren stets Wasser führt, bildet diese Landschaft eine Oase, die alle drei Ökosysteme gleichsam miteinander verbindet. Hier treffen der westliche Nebelgürtel und die Regenzonen des Sommer- und Winterregens aufeinander.
Die Hakos Sternwarte schließlich, schon im Hochland außerhalb der eigentlichen Namib unweit des Gamsberg-Passes gelegen, ist weltberühmt, kann man doch hier in dieser klaren Luft mehr Sterne sehen als an den meisten Orten dieser Welt. Ohne Fremdbeleuchtung und Staub eröffnet sich ein Sternenhimmel in der namibischen Nacht, den man mit dem Fernrohr und auch mit bloßem Auge beim Campen in der Wüste erleben kann. Wenn man dann noch mit Freunden am Lagerfeuer sitzt und jemand eine Gitarre dabei hat, gibt es keine anderen Superlativen mehr als – die Wunder der Namib.

©  Konny von Schmettau