Der Traum vom Fliegen:

Gleitschirmfliegen in Namibia

tl_files/article/para.180.jpgDer Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Schon Ikarus, der Sohn des Daidalos, schwang sich der griechischen Mythologie zufolge mit an seinem Körper befestigten Federn der Sonne entgegen, um seinem Gefängnis auf Kreta zu entrinnen. Er kam der Sonne zu nahe, der Wachs seiner Flügel zerschmolz und er stürzte ins Meer. Die Ikarus-Sage diente Jahrtausende lang als Warnung, der Mensch solle sich nicht dazu versteigen, die Majestät der Sonne und der Götter erreichen zu wollen.Doch der Traum vom Fliegen ist seit jeher in den Seelen der Menschheit verhaftet. Selbst Leonardo da Vinci, einer der größten Künstler und Erfinder des 15. Jahrhunderts, entwarf Flugmodelle aller Art, immer getrieben von dem Wunsch, einmal die Erde von Oben betrachten zu dürfen.
Die ersten funktionierenden Flugzeuge wurden schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, gingen bald in Serie, und heute legt man die weiten Strecken um den Erdball in großen Airbussen innerhalb weniger Stunden zurück.

Doch bis auf Ikarus hatten alle ein unüberwindliches Hindernis, das den meisten von uns auch heute im Wege steht: Sie mussten in einem Kasten sitzen, um sich in die Lüfte erheben zu können. Doch im Zeitalter der Technik wird der Traum vom Fliegen immer greifbarer. In kleinen Cessnas und sogar motorlosen Segelflugzeugen erheben wir uns über die Lüfte, in Fallschirmen springen wir aus dem Flugzeug, um die Momente des freien Falls erleben zu dürfen. Schon als Kinder lassen wir unsere Drachen im Wind schweben.
Ganz Wagmutige stürzen sich an Gummibändern haushohe Brücken und Schluchten hinab, um am „Bungee“ baumelnd kopfüber die Welt im luftleeren Raum zu betrachten. Nichts scheint der Menschheit zu verrückt zu sein, um sich wie ein Vogel zu erheben. Und mit modernen Mittel wird dieser ewig währende Traum immer greifbarer.
Gleitschirmfliegen oder „Paragliding“ im Englischen lautet das Zauberwort des motorlosen Fliegens, bei dem es einzig und allein auf die Beherrschung der vielen Schnüre, einige Kenntnisse über Luftbewegungen und Thermik, Begeisterung und etwas Mut ankommt.

Faszination Gleitschirmfliegen

tl_files/article/para1.180.jpg„Wenn ich am Gleitschirm hänge und über die Wüste fliege, vergesse ich alles um mich herum und atme die Schönheit der Landschaft regelrecht ein“, schwärmt Alex Stauch, der in Swakopmund das Unternehmen „Namibian Paragliding Adventues“ (Gleitschirm Abenteuer Namibia) betreibt. Als gelernter Pilot (seit 1989) und geschulter Fluglehrer (seit 1997) kennt Alex sein Metier, die Lüfte sind sein zweites Zuhause, und als staatlich geprüfter Namibia-Reiseführer kennt er das Land wie seine Westentasche. Er gründete vor rund zehn Jahren die erste Gleitschirmflugschule in Namibia. Alex Stauch ist der Urenkel des legendären Entdeckers der Namib-Diamanten, August Stauch, seine Familie lebt bereits in der fünften Generation in Namibia. Und somit vereint Alex die besten Eigenschaften, sowohl seinen Schülern, die zum ersten Mal die Herren der Lüfte sein möchten, als auch versierten Gleitschirmfliegern die schönsten und ergiebigsten Fluggebiete Namibias nahe bringt.

An den sanften Dünenhügeln nahe Langstrand sieht man sie morgens an ihren Schirmen schweben, na ja, nicht sofort, denn die Technik will beherrscht sein und bevor man sich im weichen Sitz des Schirmes zurücklehnen kann, bedarf es einiger Kenntnisse, um das Geheimnis Fliegen zu lüften. Zahllose Schnüre halten den bis zu zwei Meter breiten und zwölf Meter langen Stoff, aus dem die Träume sind.
Innerhalb weniger Tage erlernen Anfänger mit Alex Stauch die wichtigsten Techniken, und schon bald werden sie Teil eines faszinierenden Abenteuers.
Wer hoch hinaus will, der klettert die Dünen hinauf, und wenn Anfänger ihren Gleitschirm und damit sich selbst zum Fliegen bringen wollen, sieht es manchmal recht lustig aus, wenn sie scheinbar im Sand herumhüpfen wie Gummibälle, einen Meter hoch, die Füße in die Luft – und wieder hinab mit den Füßen in den Sand.

„Aber auf einmal, ganz plötzlich, ist ein Punkt erreicht, an dem man dann tatsächlich fliegt“, erzählt der deutsche Gleitschirmflieger Dietmar End mit leuchtenden Augen, der jedes Jahr mit Alex Stauch in Namibia und Südafrika unterwegs ist. „Es ist, als entwickle der Schirm ein Eigenleben, als habe er genug Spaß mit einem gehabt und wolle sich nun selbst auch endlich in die Luft erheben. Und dann wird die Welt unter einem kleiner, die Luft schmeckt anders – und man fliegt ... – Wen das Gleitschirmfliegen einmal gepackt hat, den lässt es nie wieder los. Ich bin auch in Europa regelmäßig in den schönsten Fluggebieten unterwegs, aber Namibia bedeutet für mich das ultimative Abenteuer.“

Die Technik muss erlernt werden

tl_files/article/para2.180.jpgDoch dieses scheinbare Eigenleben des Gleitschirms muss stets Teil des Menschen sein, der ihn beherrscht, um neben dem Abenteuer auch die Sicherheit zu gewährleisten. Bei leichtem Wind zieht man den Gleitschirm durch Bewegung der Schnüre und vor allem viel Gefühl langsam aufwärts, ähnlich wie beim Drachen steigen lassen.

Bei viel Wind, wie er an Namibias Küste und Dünen besonders Nachmittags häufig vorkommt, bevorzugen versierte Paraglider einen Rückwärtsstart. Und der funktioniert folgendermaßen, erklärt Dietmar End: „Du stehst quasi mit dem Rücken zur Startrichtung und ziehst den Schirm auf, damit hast du absolute Kontrolle über den Startvorgang. Aber du kannst so nicht starten, da du verdreht dastehst. Nun musst du den Schirm so kontrollieren, dass alles prima ist, dann drehst du dich um und kannst los segeln.
Diese Art von Schirmbeherrschung nennt man Ground handling, da du ja nicht fliegst, sondern am Boden stehst und den Schirm über dir hältst, ohne dass er dich startet. Denn ich als Pilot entscheide, wann ich starten will und nicht der Gleitschirm. Dadurch gewinnst du a) an Sicherheit grundsätzlich und b) an Sicherheit durch den von dir bestimmten Startzeitpunkt. Und das Ground handling macht zudem unglaublich viel Spaß!“

Die schönsten Fluggebiete Namibias

tl_files/article/para3.180.jpg„Sandwich Harbour, voller Schönheit und laminarer, wirbelnder Windbedingungen, erlaubt es dir, dich beim Fliegen einfach zurückzulehnen und über eine der ältesten Wüsten der Welt zu schweben“, beschreibt Alex Stauch eines der schönsten namibischen Gleitschirm-Fluggebiete. „Auf der einen Seite hast du eine atemberaubende Aussicht über den Atlantik und die Lagune, auf der anderen Seite die unendlichen Dünen der Namib-Wüste. Fliegen in Sandwich Harbour ist ein absolutes Highlight und mit den sanftesten Bedingungen versehen, die man sich nur vorstellen kann.“
Aber das ist erst der Anfang. Sossusvlei mit den höchsten Dünen der Welt erlaubt es den Paragliedern, stundenlang über den sanften Dünen zu schweben, sich mit den Vögeln in der aufsteigenden Thermik allmählich weiter nach oben zu schrauben, den Wind in den Ohren, die Sonne im Gesicht, ein unvergessliches Leuchten in den Augen.

“Henties Bay ist ein großer Spielplatz, an dem die flache Wüste dem Meer begegnet und sich eine Sandkante von rund 20m gebildet hat“, erzählt Alex. „Diese Sandkante zieht sich an der Küste entlang und man kann Kilometer für Kilometer daran entlang fliegen, meist nicht höher als 25 m. Gelegentlich kann man Cape-Seelöwen und Delphine beobachten, und Möwen schweben mit einem neugierigen kurzen Blick auf diese seltsamen, großen Vögel vorbei. Hier erleben wir die pure Freiheit unter der Sonne Afrikas.
Am abendlichen Lagerfeuer, irgendwo in der Wüste, erzählen wir uns Geschichten vom Fliegen, während ein saftiges Steak auf dem Grill brutzelt und der Himmel über uns mit Milliarden von Sternen erstrahlt, so nah, dass man meinen könnte, sie mit dem Finger berühren zu können. Und es wird dir wie vielen Piloten vor dir ergehen, in denen der Wunsch, immer wieder hierher zu kommen, zur Wirklichkeit wird.“

©  Konny von Schmettau