Der Kuiseb in der Geschichte Namibias

Heißer Wüstensand fegt über trockene Ebenen und lässt das spärliche Gras erzittern. Das Wild zieht sich in den dürftigen Schatten karger Bäume und Büsche zurück, während die heiße Mittagssonne die Erde verbrennt und rissig werden lässt. Kleinstlebewesen, Käfer, Geckos und Kriechtiere vergraben ihr Körper im Sand, um erst abends, wenn es kühler wird, wieder empor zu kommen. Wilde, ursprüngliche Landschaften mit oft kargem Bewuchs und unendliche Weiten haben dieses Land zwischen Namibwüste und Atlantik Jahrtausende lang davor bewahrt, dicht besiedelt zu werden und selbst mutige Seefahrer glaubten lange Zeit, dass hinter den endlos scheinenden Dünen kein Leben existiere.

Es sind die wenigen Flüsse, die die Geschichte des Landes und seiner Bewohner prägen, denn Wasser bedeutet Leben und Energie für Mensch und Tier. Über Jahre, manchmal Jahrzehnte hinweg führen die Trockenflüsse Namibias nur unterirdisch Wasser, wächst im Flusslauf nur karges Gestrüpp, das dennoch die Verheißung und die Hoffnung auf Regen in sich trägt.
Zum Ende jeden Jahres richten alt eingesessene Völker, Farmer, Siedler und Nomaden ihre Blicke hoffnungsvoll gen Himmel, ob der strahlend blaue Himmel endlich Regenwolken übers Land wehen mag. Und dann die ersten Regentropfen, alle paar Tage, bis in guten Jahren endlich starke Schauer das rissige Land durchdringen und neues Leben erwachsen lassen.
Sand, Staub und dürre Zweige, und alles, was im Rivier so lange vor sich hin dorrte, reißen die Fluten mit sich und bahnen ihren Weg bis hin zum Atlantik, füllen das Grundwasser wieder auf, lassen über Nacht die Wüste erblühen und zu neuem Leben erwachen.

Der Verlauf des Kuiseb

Einer der bedeutetsten Flüsse Namibias ist der Kuiseb, der im Khomas-Hochland, westlich von Windhoek entspringt. Sein Weg zum Atlantik umfasst rund 560 Kilometer, sein Einzugsgebiet wird auf rund 14.700 km² geschätzt.
“Von seiner Quelle im Hochland passiert der Kuiseb die Curt von Francois-Feste und verläuft in südwestlicher Richtung zum zwei bis vier Millionen Jahre alten Kuiseb-Canyon, welcher Teil der Hakosberge ist und im Schnitt 20 Meter breit und bis zu 200 Meter tief ist“, sagt die Internetenzyklopädie Wikipedia. „Einige Kilometer nach Verlassen des Canyon am Kuiseb Pass ändert der Kuiseb seine Richtung und verläuft westlich durch die Wüste Namib und passiert unter anderem die Wüstenforschungsstation Gobabeb. Bis zu seiner zwischen Walfischbucht und Sandwichbucht gelegenen Mündung in den Südatlantik bildet der Kuiseb eine scharfe Trennlinie zwischen den südlich gelegenen orangen Dünen der Namib und dem beigen Sand und Gestein nördlich davon. Unterhalb von Gobabeb ist die Flutebene des Kuiseb bis zu 1000 Meter breit.“

So weit die wissenschaftlichen Fakten. Doch was ein Fluss in einem weitgehend trockenen, nach Wasser dürstenden Land wie Namibia bedeutet, wird erst durch die Geschichte seiner Besieldung deutlich. Erst, wenn man mit eigenem Auge gesehen hat, wie das trockene Flussbett sich im Sommer nur durch vereinzelte Sträucher und Bäume im staubigen Sand zu erkennen gibt und ein halbes Jahr später wie eine blaue Oase majestätisch an den roten Dünen der Namib entlang sich seinen Weg zum Atlantik gebahnt hat, kann seine Bedeutung für das Leben erahnen.
Das „Abkommen des Riviers“ bis zur Atlantikküste trägt dazu bei, die Grundwasserreserven aufzufüllen, die für die Wasserversorgung unter anderem von Walfischbay lebenswichtig sind. Auch die Rössingmine sowie die Kleinstadt Arandis erhalten Trinkwasser aus diesem natürlichen Reservoir.

In normalen Regenjahren versandet der Fluss vor Walfischbay in den hohen Dünen der Namib und ist nur stellenweise durch einen dünnen Vegetationsgürtel erkennbar. 2011 jedoch war durch eine anhaltende, starke Regenzeit geprägt, und so erkämpfte der Kuiseb sich seinen Weg durch den tiefen Wüstensand bis hin zum Atlantik, wo er sich südlich von Walfischbay in die Lagune ergoss.

Die Topnaar – Ein Volk in der Wüste

Im Südwesten des Landes beginnt die historische Dokumentation über den Kuiseb, und zwar mit der Rheinischen Missionsstation Scheppmannsdorf bzw. Rooibank, die im Jahre 1845 von Missionar Heinrich Scheppmann gegründet wurde. Der Name Rooibank gründet auf den roten Granitfelsen, die aus dem Wüstenboden ragen.
Dazu schreibt Pastor Walter Moritz in seinem Buch „Scheppmannsdorf / Rooibank ...“ aus seiner Serie „Aus alten Tagen in Südwest“: „Der Name Scheppmannsdorf ist fast vergessen, man spricht allgemein von Rooibank, der Wasserstation, die 30 km von Walfischbay am Kuiseb liegt (...); war das Tor zum Hereroland, eine freundliche Niederlassung in der so unwirtlichen Namibwüste. Die Schiffe gingen in der Walfischbucht oder auch in Sandwichhafen vor Anker, und die Ladung wurde durch die Topnaar, einen Namastamm in der Namib, durch das Wasser an Land getragen. Die Topnaar sollen sich um 1820 unter ihrem Häuptling Frederik Kachab an der Mündung des Kuiseb niedergelassen haben.“

Die Topnaar gelten als einer der ersten Volksstämme Südwestafrikas, die sich am Kuiseb-Rivier niederließen.  Überlieferungen zufolge lebten sie bereits vor Jahrhunderten als „Strandlopers“ und Nomaden entlang der Atlantikküste. Ihrer Sprache zufolge, die durch Klicklaute geprägt ist, werden sie dem Volk der Nama zugeordnet. Ihre Basisnahrung besteht traditionell aus der !Nara-Melone, die besonders im südlichen Bereich des Kuiseb an breit gefächerten, dünnen  Sträuchern wächst und einen hohen Ernährungswert aufzeigt. Auch medizinische Heilkräfte soll die !Nara haben und „die Nahrung der stillenden Mütter“ sein. Ihre Bestandteile werden vom Fruchtfleisch bis hin zu den später getrockneten Kernen beinahe gänzlich verwertet.
Bis heute leben die Topnaars in Siedlungen aus einfachen Hütten am Verlauf des Kuiseb entlang und züchten Schafe und Ziegen in dieser oft unwirtlichen und rauen Gegend.

Entlang des Kuiseb in Richtung Norden

Folgt man den Kuiseb weiter in Richtung Norden, trifft man unter anderem auf die Siedlung Homeb, die ebenfalls von Topnaars bewohnt wird und heute einen sehr schönen Campingplatz am Flussufer aufweist. Unweit von Homeb liegt einige Kilometer entfernt im Landesinneren die Forschungsstation Gobabeb, in der seit Jahrzehnten das weitgehend unberührte, empfindliche Ökosystem der Wüstenlandschaft erforscht und unter weltweiter Anerkennung dokumentiert wird.
Auch weiter nördlich hat der Kuiseb immer wieder Siedler angezogen, wovon unter anderem die Ruinen der Gorob- und der Hope-Mine zeugen, in denen Kupfer und andere Bodenschätze  abgebaut wurden. 

Und schließlich eröffnet sich dem Auge ein Meer aus Schluchten, dem Sagen umwobenen Kuiseb-Canyon. Das ursprünglich wesentlich breitere, rund 15 Millionen Jahre alte Tal verengte sich im Laufe der Zeit durch Ablagerungen ebenso wie beim Swakop und Kunene und ist heute nicht mehr erkennbar.
Bedingt durch den extremen Wechsel von Trocken- und Regenzeiten erschloss der Fluss immer wieder neue Wege und formte ein schier unübersichtliches Gewirr aus Klüften und Tälern. Eine Brücke führt heute über den Fluss, so dass der Weg in Richtung Süden und Sossusvlei an dieser Stelle zu jeder Jahreszeit passierbar ist.

Henno Martin und Hermann Korn

Unweit der Brücke am Kuiseb-Canyon errichteten die deutschstämmigen Geologen Henno Martin und Hermann Korn 1940, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, ihren ersten Unterschlupf, um der Verhaftung und Internierung zu entgehen. In seinem Buch „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ beschreibt Henno Martin ihr Überleben in einer unwirtlichen Landschaft, das nur durch das Wasser des Kuiseb möglich war. Sie sicherten eine natürliche Höhle unter einem Felsvorsprung durch Felsbrocken zur Schlucht hin ab und waren wie alle mehr oder weniger freiwilligen Siedler entlang des Kuiseb dem Warten auf den ersehnten Regen ausgeliefert.

Erstaunlicher Weise kommen in diesem Gebiet kleine Wasserreservoirs vor, die auch in trockenen Jahren weitgehend erhalten bleiben und in denen Karpfen schwimmen. Entsprechend nannten sie ihren Unterschlupf „Karpfenriff“. Doch der Regen ließ lange auf sich warten, und so unternahmen sie auf der Suche nach Wasser, Wild und Salz zwischendurch lange Exkursionen ins Landesinnere.
Die Rückkehr von einer solchen Tour beschreibt Henno Martin wie folgt: „Viel näher berührte uns die Frage, wie es im Kuiseb aussehen mochte. War das Wasser weiter gesunken? Lebte unser kleiner Garten noch? Nach dem Frühstück stiegen wir in die Unterwelt hinab. Der Anblick unseres Wasserkolkes verschlug uns fast den Atem. Der Fischteich war nur noch eine schillernde Pfütze, auf der ein paar stinkende, von Fliegen bedeckte Karpfen trieben. Im Trinkwasserkolk war das Wasser so weit zurückgegangen, dass die Grenze, an der der Schotter des Rivierbettes den Fels überlagerte, frei lag. Nur an einer Stelle sickerte noch ein Wasserfaden aus dem Schotter in das tiefere Felsbecken hinab; er war so dünn, dass wir dachten, er müsse jeden Augenblick reißen.“
Weihnachten 1940 erfolgte „der erste Regen seit neun Monaten“ und Ende Januar / Anfang Februar 1941 schließlich verließen die beiden das Karpfenriff „aufgrund der schlechten Wasser- und Wildsituation“.

So bestimmt der Kuiseb wie andere Trockenflüsse des Landes immer wieder das Leben von Mensch und Tier und macht uns deutlich, dass wir zwar in heutiger Zeit eine weitreichende Infrastruktur aufgebaut haben, doch immer auch an die Natur gebunden sind, die letzten Endes unser Überleben mehr bestimmt als alle Technologie.


© Konny von Schmettau