Crunchy

Es gibt in Namibia einen kleinen Käfer, den wir „Crunchy“ (knackig) nennen. Und –  wer sollte es glauben – man kann ihn sogar essen! Oder sagen wir mal: Wir wissen zumindest, dass er rein theoretisch essbar ist. Zumindest ist er nicht giftig. Und knackig ja auch irgendwie....
Aber lassen Sie mich die Geschichte doch lieber von Vorne erzählen.

Eine lustige Runde junger Leute saß an einem schönen, lauen Abend nach einem Tag voller sportlicher Betätigungen um ein knisterndes Lagerfeuer unter dem namibischen Sternenhimmel.
Man lachte, erzählte sich Geschichten, ausreichend Feuerholz war vorhanden und die Laune stieg, als die beliebte Erbsensuppe im Potjiepot, der stilecht auf dem Feuer stand, sich ihrer Vollendung näherte.
Nach einigen weiteren Gläsern Wein, mit denen der vorzüglich mundende Erbenseintopf gebührend begossen worden war, lehnte man sich genüsslich zurück und vergaß dabei, dass ein Deckel auf einem Topf besonders unter freiem Himmel manchmal recht nützlich sein kann. Zumindest für die Menschen, die Inhalt gerne unverfälscht am kommenden Morgen genießen möchten.
Denn vom Feuerschein magisch angezogen kamen mehr und mehr kleine, braune Käferchen angeflogen, schnupperten neugierig an der guten Suppe – und so mancher von ihnen taumelte begeistert ob des entsteigenden Wohlgeruchs und landete dann seinerseits im Suppentopf, der ungeachtet des erweiterten Inhaltes weiterhin leise vor sich hin brodelte.
Es begab sich im Laufe des Abends, dass eine Dame, die sich offenbar in der afrikanischen  Nacht verfahren hatte, bei der Gruppe junger Leute ankam und um einen Platz am Lagerfeuer bat und auch darum, ihren Schlafsack dort ausrollen zu dürfen, um am kommendem Morgen bei Tageslicht weiterfahren zu können.

Unsere namibische Gastfreundschaft genehmigte mit Freuden beides und selbstverständlich teilte man auch gerne das Nachtmahl. Die Erbensuppe.
Zu spät fiel unseren jungen Leuten auf, dass sie besagten Topfdeckel nicht an seinen Bestimmungsort zurück gepackt hatte. Aus Höflichkeit wollte man jedoch die einmal erteilte Einladung zur Erbensuppe nicht zurücknehmen und so ließ man das Schicksal entscheiden, was nun folgen sollte.
Die Dame freute sich sehr, schöpfte sogar eine zweite Portion auf ihren Blechteller und merkte vor übergroßer Freude nicht, dass ihre Gastgeber zunehmend schweigsamer wurden, bis man nur noch das leise Flackern des Lagerfeuers vernahm sowie die Kaugeräusche der Dame, die ihr Nachtmahl offensichtlich sehr genoss.
Höflich und etwas zaghaft zugleich wurde sie gefragt, wie ihr die Suppe munde und ihre völlig begeistere Antwort lautete: „Mmh, Ihre Erbensuppe ist einfach wunderbar! And it’s sooo crunchy – und sie ist sooo knackig!“

(Nachsatz: Nein, nein, niemand traute sich öffentlich zu lachen! Immerhin sind wir höfliche Menschen! Seltsamer Weise verschwanden kurz hintereinander stets einige der jungen Leute für einige Zeit, meist in Zweiergruppen, und kamen mit leicht geröteten Augen zurück ans Lagerfeuer, denn dass man vor Lachen weinen kann, sollte hinlänglich bekannt sein ...)

© Konny von Schmettau